Ibrahim

Ibrahim aus Somalia in Egnach/TG, Schweiz

aus Somalia in Egnach/TG

 

“Mein Vater hatte mehrere Frauen und so habe ich viele Halbgeschwister. Ein Bruder lebt zusammen mit meiner Mutter in Holland, andere in Tansania und Kenia, andere sind gestorben. Mein Vater hat nie eine Schule besucht. Nach der Unabhängigkeit hat er aber eine Arbeit in einer Landwirtschaftsfirma gefunden.”

“Ich bin in Baidoa aufgewachsen und habe dort die Schulen besucht und eine Lehrerausbildung gemacht. Von 1981 – 1991 habe ich als Lehrer gearbeitet.”

“Ich hatte eine schöne Kindheit und Jugend. Ich ging sehr gerne in die Schule und ich ging gerne bei einem Wasserfall schwimmen.”

“Als die Kolonialzeit fertig war, hinterliessen die Italiener überall im Land verstreut Minen und Bomben. Wie spielten damit. Gelegentlich gab es Explosionen und Kinder starben dabei.”

“1991, nach dem Sturz des Diktators, begann der Bürgerkrieg, der bis heute anhält. Der Staat zerfiel. Jeder musste sich selber schauen, sich selber verteidigen. Dazu musste man bewaffnet sein. Als Lehrer war ich aber nicht bewaffnet, ich wollte das auch nicht. So habe ich mit meiner Frau beschlossen, das Land zu verlassen, um uns und unsere damals vier Kinder in Sicherheit zu bringen.”

“Meine Frau und ich kommen aus zwei verschiedenen Stämmen. Als der Bürgerkrieg begann, mussten wir in die je eigenen Stammesgebiete zurückkehren. So waren wir ab dann getrennt.“

“Meine Frau flüchtete 1992 mit den Kindern in die Schweiz und ich 1993. In Arbon fanden wir dann wieder zusammen. Hier haben wir ein neues Leben angefangen. Die auffälligsten Sachen waren am Anfang: – die Kälte und der Schnee, – die ganz anderen Menschen mit anderer Hautfarbe, – zu realisieren, dass es keine Moscheen, sondern Kirchen mit Kirchenglocken gab, – zu erleben, dass die Hunde mit den Menschen in Häusern leben.”

“Ich wollte unbedingt arbeiten um nicht von der Sozialhilfe abhängig zu sein. Zuerst arbeitete ich in einer Baumschule. Ich hatte diese Arbeit sehr gerne, obwohl ich auch bei minus 10° draussen arbeiten musste. Jetzt arbeite ich schon viele Jahre bei Arbonia. Das ist meine Lieblingsfirma. Jetzt arbeite ich schon 23 Jahre in der Schweiz.”

“Die Menschen hier sind sehr unterschiedlich. Viele sind meine besten Kollegen, unabhängig ob weiss oder schwarz. Andere haben einen grossen Abstand gemacht. Das war schwierig. Aber wir sind doch alles Menschen, alles Brüder und Schwestern. Man soll nicht auf die Hautfarbe schauen, sondern auf das Herz. Dieses ist weder schwarz noch weiss.”

“In der Schweiz hatte ich nie Probleme wegen der Religion. Hier gibt es Religionsfreiheit und alle Religionen und Konfessionen leben friedlich nebeneinander.”

“Ich bin froh, dass alle unsere sieben Kinder die Schule durchlaufen haben und jetzt in der Ausbildung sind oder bereits einen Beruf haben.”

“Meine Frau, die Mutter unserer sieben Kinder, ist das Zentrum der Familie. Sie ist auch glücklich, dass unsere Kinder hier in Frieden aufwachsen können. Sie hat alles mit den Kindern und dem Haushalt bestens organisiert. Ich bin dankbar, dass ich eine so gute Frau und so gute Kinder habe.”

“Mein Traum war, hier unabhängig zu werden, mich zu integrieren und zu arbeiten. All die 23 Jahre in der Schweiz habe ich es geschafft, meine 9-köpfige Familie ohne Sozialhilfe zu finanzieren. Dann wollten wir uns einbürgern lassen, damit wir auch eine Nationalität in dieser Welt haben, denn ich hatte keine somalischen Papiere. Dann hatten wir den Traum, dass all unsere Kinder eine gute Berufsausbildung machen können. Auch das haben wir erreicht.”

“Meine Frau und ich, wir denken jeden Tag an Somalia. Die Situation dort ist katastrophal. Jetzt gibt es wegen dem Bürgerkrieg und der Dürre auch noch eine Hungersnot. Meine Frau sagt: wenn wir zwei Brote haben, müssen wir eines essen und eines nach Somalia schicken, wenn wir zwei Franken haben, müssen wir einen schicken und einen selber brauchen. Auch wenn meine Familie nicht mehr dort ist, die Leute dort sind trotzdem wie meine Onkel, meine Schwestern oder meine Brüder. Und ich liebe sie alle.”

“Wir hoffen, dass die Schweiz ein friedliches Land bleibt und dass es in Somalia und in der ganzen Welt Frieden gibt und alle wie Brüder und Schwestern miteinander leben können.”

“Die Schweiz ist für uns Somalier eine gute Schule. Hier kann man lernen, trotz verschiedener Herkunft und Sprache friedlich miteinander zu leben und einander zu respektieren.”

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notiert von Peter Käser

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