Sead

Sead, aus Montenegro in Wil/SG

aus Montenegro in Wil

“Wir haben mit den Grosseltern und der Familie meines Onkels auf dem Land gewohnt. Zum Teil waren wir Selbstversorger. Wir hatten Land und Kühe. Für uns Kinder war es selbstverständlich, dass wir mitgeholfen haben. Ab der 5. Klasse musste ich täglich 7 km zu Fuss in die Schule gehen, das war unangenehm. Für uns Kinder waren der Vater, der Onkel und der Grossvater die Vorbilder, die konnten alles besser als wir.”

“Weil es im Land keine Verdienstmöglichkeit gab, ist mein Vater ausgewandert, zuerst nach Slowenien, dann in die Schweiz. Als er die B-Bewilligung erhielt, konnten meine Mutter, meine drei Geschwister und ich auch in die Schweiz, nach Wattwil kommen. Damals war ich 13 Jahre alt.”

“Als ich in die Schweiz kam, ist mir sofort aufgefallen, dass hier alles so aufgeräumt ist. Alles ist ordentlich und sauber. Sechs Monate besuchte ich einen Deutschkurs. Danach kam ich in die Realschule. Ich konnte schnell Deutsch, fand schnell Freunde und hatte keine Probleme mich zu integrieren. Ich habe in Ebnat-Kappel die Lehre als Automonteur gemacht und anschliessend auf dem Beruf gearbeitet. Drei Jahre arbeitete ich auch als Lastwagenchauffeur. Aber das war wegen den Arbeitszeiten nicht so ideal. So habe ich mich als Garagist selbständig gemacht und gleichzeitig auch geheiratet.”

“Montenegro ist auch ein multikulturelles Land mit Montenegrinern, Serben, Albanern, Bosniaken, Romas. Das Zusammenleben ist weitgehend problemlos. Leider ist aber die Regierung korrupt. Das verhindert eine positive Entwicklung. Montenegro sollte von der Schweiz lernen, dass Gesetze durchgesetzt werden – für alle gleich. Leider gibt es dort immer noch viel zu wenig Arbeit. Deshalb wandern immer noch viele junge Leute aus.”

“Wo es viele Arbeitslose gibt, gibt es viele Probleme. Die Leute wissen nicht, was machen und so protestieren und streiken sie. Hier in der Schweiz hat man gar keine Zeit für so was. Mit Arbeit und Familie ist man hier ausgefüllt.”

“Mein Traum ist, gesund zu bleiben und zu sehen, dass unsere drei Kinder gut aufwachsen, später auf eigenen Beinen stehen können und es ihnen gut geht. Die Kinder haben hier viel bessere Ausbildungsmöglichkeiten, deshalb ist es für uns keine Option, nach Montenegro zurück zu kehren.”

“Die Religion bedeutet mir alles. Sie zeigt mir den Weg, gibt mir Richtlinien und Sicherheit. Als Kind war ich ein Mitläufer, habe einfach das gemacht, was üblich war. Erst hier in der Schweiz, so ab zwanzig Jahren, habe ich mich intensiver mit der Religion befass. Seither bin ich ein praktizierender Muslim.”

“Ich spüre keine Nachteile, weil ich Muslim bin oder dass ich deswegen weniger Arbeit habe. Im Gegenteil, alle, die wissen, dass ich ein aufrichtiger Muslim bin, wissen, dass ich somit ein ehrlicher Mensch bin, dem man vertrauen kann. Das ist unser Markenzeichen. Und so kommen auch viele Nichtmuslime in unser Geschäft. Die Religion ist aber Privatsache. Im Geschäft sind wir dazu da, den Leuten zu helfen und ihre Fahrzeuge zu reparieren.”

_______________________
notiert von Peter Käser

Video ansehen

Bericht hören

Bitte teilen:Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInEmail this to someonePrint this page

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.