Tanju

Tanju - mit harter Lebensschule

aus der Türkei in St. Gallen

“Ich bin in St. Gallen als Sohn türkischer Eltern geboren. Meine Mutter kam als junge Schneiderin hierher. Damals hat die Schweiz im Ausland viele Arbeiter gesucht. Mein Vater hatte viele Interessen, hat fotografiert, gefilmt, Fahrstunden erteilt. Daneben hatte er aber eine normale Anstellung.”

“Unter den Konflikten und der Trennung meiner Eltern habe ich als Fünfjähriger sehr gelitten. Einmal bin ich auch zu Hause abgehauen. Schweren Herzens hat meine Mutter entschieden, mich zu ihrer Schwester in die Türkei zu schicken. Mir hat sie gesagt, ich gehe in die Ferien. Ich flog alleine in die Türkei. Erst nach der Ankunft erfuhr ich, dass ich dort bleiben muss. Das war sehr, sehr hart für mich. Ich habe viel geweint, weil ich meine Mutter vermisst habe.”

“Der Onkel war ein hoher Offizier und wurde viel versetzt. So musste ich immer wieder die Schule wechseln und mich neu einleben. Gewohnt haben wir in guten Verhältnissen in abgeschirmten Militärbasen.”

“Nach drei Jahren stand plötzlich meine Mutter wieder da, um mich zurück in die Schweiz zu bringen. Das machte mich wütend, denn ich wollte nicht zurück und meine Tante hätte mich auch gerne behalten.”

“Zusammen mit meiner Schwester wohnten wir hier in einfachen Verhältnissen. Ich brauchte lange, bis ich mich an die neue Situation gewöhnt hatte. Im Riethüsli kam ich in eine Deutschklasse, danach in die zweite Klasse ins Hadwig. Das war schwierig, nicht nur weil ich ein Türke war, sondern auch, weil ich einen anderen Glauben hatte. Ich war sensibel und habe vieles in mich hinein gefressen. Es gab viele Schlägereien und oft wurde ich auch verbal erniedrigt. All diese kindlichen Gemeinheiten, jemanden, der anders ist, zu plagen. Einmal wurde ich derartig wütend, dass ich einen Mitschüler massiv zusammengeschlagen habe. Ab dann hatten die Anderen Respekt vor mir.”

“Die Türken verkehrten damals fast ausschliesslich unter sich und hielten ihre hergebrachten Prinzipien und Ansichten hoch. Als Jugendlicher geriet ich damit zunehmend in Konflikt, weil ich moderner war, Ohrenringe trug, ein Punk war, die Haare färbte, etc. Meine Mutter war dem gegenüber ganz locker. Für die übrigen türkischen Erwachsenen war das aber Teufelszeug. Ich wollte aber nicht darauf verzichten, wollte mit 18 Jahren frei sein. So habe ich diese Leute zunehmend gemieden.”

“Heute bin ich mehr Schweizer als Türke, bin auch schon lange nicht mehr in der Türkei gewesen. Vieles hat sich dort verändert und alle Verwandten sind ausgewandert. Und dennoch, Bilder von Istanbul oder türkische Musik bewegen mich schon noch.”

“Ich kenne Türken, die leben seit vierzig Jahren hier und sprechen kaum Deutsch. Wenn sich Immigranten nur abkapseln, nicht anpassen, kein Interesse zeigen – das darf doch nicht sein.”

“Ich selber bin sehr zufrieden in der Schweiz, auch weil hier so viele Kulturen leben. Ich finde die Schweizer sind ein cooles Völklein – sie machen Vieles richtig.”

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notiert von Peter Käser

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